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abgefuckelt – es verschwinden wieder Bücher

Vor einigen Tagen habe ich mir zum ersten Mal die „Zeit“ gekauft. Aus Langeweile. Sie ist tatsächlich schwerer als ich dachte – die (gähn) Zeit. Zu Hause angekommen, erst mal raus aus dem Rucksack, mit der Zeit. Ein Haufen Reklame fällt heraus, wie aus einem x-beliebigen Anzeigenblatt. Haben die denn keine Leser, dass die so was nötig haben? Anscheinend nicht. Die Titelgeschichte heißt: „Noch jemand ohne Burn-out?“ Auf dem Bild darunter ist eine Reihe abgebrannter Streichhölzer zu sehen, nur eines ist noch nicht abgebrannt. Burn-out, ausgebrannt, verstehen Sie (siezt die Zeit ihre Leser eigentlich noch), es ist nur eine Frage der (Achtung:) Zeit, bis es auch den Letzten erwischt. War die Zeit nicht irgendwann mal so eine Intellektuellen-Zeitung, mit der man als Nicht-studierte_r gar nichts anfangen konnte? Jetzt jedenfalls ist sie ein Paket aus eher belangloser Unterhaltung und Reklame. Von den letzten Jahren habe ich ja nichts mitbekommen, vom Kampf der Printmedien um ihre Leser_innen, weil doch jetzt alle Internet haben und sowieso keiner mehr ließt, keiner mehr lesen kann, weil die alle zu doof sind, und die Welt ja sowieso nicht mehr das ist, was sie mal war, vor dem 11. September und ach, hör‘n Sie mir doch auf. Ich hab’s einfach nicht mitbekommen, es ging an mir vorbei, tut mir Leid: Burn-out.
Wertvolle Informationen (wenn man will dass es so etwas gibt) entnimmt man der Zeit beunruhigender Weise aus dem, was sie nicht druckt. In einem Artikel über Elias Canetti, den man als Hetzschrift bezeichnen kann, lässt der Autor, ein gewisser Peter Hamm, Canettis Hauptwerk, Masse und Macht, einfach verschwinden. Gegen Ende des Artikels taucht es mal beiläufig auf, mit dem Hinweis, dass dies das Buch sei, das Canetti als sein Hauptwerk betrachte. In einem Atemzug mit Adorno, der ebenso beiläufig verschwindet. Ich würde gern von Herrn Hamm wissen, welche Gründe es gibt, Canettis Lebenswerk als Fußnote zu behandeln. Es verschwinden zu lassen hinter einem wüsten Gefasel von Beziehungs-Zeug, als sei Herr Hamm persönlich mit Canetti bekannt gewesen. Der Artikel heißt: „Der Menschenfresser und sein Maultier“. Er handelt von den Liebesbriefen, die Canetti sich mit seiner Geliebten schrieb und die nun veröffentlicht werden. Mal abgesehen davon, wen so etwas interessieren könnte, Herr Hamm, was haben diese Briefe denn für eine monströse Wirkung auf Sie, dass Sie sich, Herr Hamm, „gewaltsam ins Gedächnis rufen“ müssen, „dass derselbe Canetti, der hier als eine Art Monster erscheint, so großartige Werke wie…“ – und dann folgt eine Aufzählung seiner großartigen Werke, „die zum unverzichtbaren Fundus der Literatur des 20. Jahrhunderts zählen“, dass er diese Werke also geschrieben hat und dass das so unbegreiflich sei. Geradezu empörend. Masse und Macht ist nicht dabei, bei den unverzichtbaren Werken, die Sie aufzählen. Vielleicht deswegen, weil Canetti darin aus der Berührungsangst zwischen den Menschen die Machtstrukturen der Gesellschaft ableitet? Hm? Herr Hamm? Peter. Deswegen? Was sagt Ihre Frau dazu. Sie interessieren sich doch auch so sehr für die Leben Anderer. Für die Leben Toter. Ich interessiere mich jetzt für Sie. Das kann man doch nicht übersehen, das ist doch kein Zufall, Herr Hamm. Wenn ich Elias Canetti in die Suchmaschine eingebe, stoße ich zuerst auf Masse und Macht. Immerhin hat er dafür den Nobelpreis bekommen. Geht es wieder los, Herr Hamm, lassen wir wieder Bücher verschwinden? Komm, Peter, gib’s wieder her. Das bringt doch nichts. Das haben wir doch jetzt gesehen. Seid ihr da alle so, bei der Zeit? Wohl ‚n bisschen auf George Orwell, was? 1984. Aber das wird nichts – das Buch ist schon geschrieben. Ach so, ihr meint, ihr lasst das auch verschwinden und dann spielt ihr die Geschichte selbst? Tackert überall Karl Theodor an die Wände, als Großen Bruder, mit väterlich, fürsorglich, ernsthaft, strengem Face und die Massen werden begeistert sein? Begeistert wovon, liebe Zeit-Redakteure? Mir wird da etwas mulmig, wenn ich euer Blatt durchblättere. Ich sehe da nichts, wofür man im besten Sinne brennen könnte – seht ihr was?