Bekanntmachung

Liebe Mitbewohner,
wie wir alle wissen, sind die Mittel allerorts knapp, auch und gerade die finanziellen. Das kann man nirgendwo besser sehen, als an diesem Haus. Früher, da gab es hier eine Sauna und wie man sagt, sogar Prostituierte und alles was vom einstigen Ruhm dieses Ortes blieb, sind verschimmelte Wände und Wasserzähler, die ihre Arbeit besser tun als verlangt. Wir wissen, dass das Geld nicht an den Bäumen wächst, aber leider auch nicht unter der Erde – wir haben alles versucht, aber es wurden nur Mohrrüben und Radieschen. Um die Lage für uns alle ein bisschen zu verbessern und an den Ruhm vergangener Tage anzuknüpfen, haben wir beschlossen, eine Bank zu überfallen und ihr seid alle herzlich dazu eingeladen! Ziel unserer Bemühungen ist die Bundesbank an der Richard-Wagner-Straße, neben dem Ostsee-Druck. In der Mitte des Gebäudes befindet sich ein riesiger Tresor, der von einem Metallgitternetz ummantelt ist. Wir werden einen Tunnel dorthin graben. Wir treffen uns heute in einer Woche im Garten. Ein Spaten ist mitzubringen! Verpflegung wird geregelt. Wir werden Tauben schießen und Schweine erwürgen – ärgerlich nur, dass es hier nur Katzen gibt, da ist ja nichts dran. Außerdem mag ich sie (nicht essen). Gearbeitet wird in zwei Schichten a zwölf Stunden. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Man sehe sich bloß mal die Wände an im Keller und wie es da riecht – lange hält das alles nicht mehr! Falls die Hausverwaltung fragt: Gartenarbeit! Wenn wir unter dem Bankgebäude sind, gibt es eine Luftblase im Fundament, mit etwa einem Meter Durchmesser. Ein einfacher Hammer genügt um uns Zutritt zu verschaffen. Dafür habe ich gesorgt, als das Gebäude gebaut wurde. Das habe ich meinem Kumpel Erik zu verdanken – und zwar mit 50 Prozent – er war damals Maurer und ich Elektriker. Er hat die Blase ins Fundament gebastelt und ich weiß wo der Aus-Knopf ist, für die Alarmanlage. Es kann nichts schief gehen. Wir hätten dann eine direkte Verbindung zum Tresor. Wir können den Tresor allerdings nicht auf einmal leerräumen – dazu ist es zu viel. Das würde alles nicht in dieses Haus passen, auch wenn dort keine Geldscheine lagern, sondern Goldbarren. Die sind auch relativ unhandlich. Das macht aber nichts, wir können immer wieder kommen, die Verbindung ist sicher, ist der Tunnel erstmal gegraben. Niemand wird etwas bemerken. Die brauchen das Gold eh nicht, die Tür ist schon total verrostet und niemand rechnet damit, dass es jemand klaut, schon gar nicht so still und heimlich – die Anlage gilt als absolut sicher. Falls doch mal einer reinkommt, um zu gucken ob das Licht noch geht oder so, können wir an Stelle der Goldbarren auch irgendein Plaste-Scheiß hinlegen, das merken die nicht. Jetzt werdet ihr natürlich sagen: scheiß Goldbarren schleppen, nö, was haben wir denn davon! Aber wie gesagt: die Verpflegung ist gut und es wird auch vegetarische Kost geben. Kleiner Scherz. Es wird natürlich alles gerecht aufgeteilt. Und wenn man mal überlegt, was allein ein so ein Goldbarren Wert ist, fragt man sich schnell: was will man eigentlich damit? Wir haben da folgende Pläne. Zuerst bauen wir eine U-Bahn von der Leo 11 zur Bundesbank, damit wir nicht so viel schleppen müssen. Dann werden wir die Leo 11 zu einer Kult-Marke dieser Stadt machen. Alle die hier wohnen, werden mit einem Grinsen den Leuten begegnen und an Gelassenheit nicht zu übertreffen sein und die werden sich wiederum fragen, was es auf sich hat, mit den Leuten in der Leo 11, gerade in der Krise, da gibt es doch nun wirklich nichts zu lachen. Als Alibi werden wir einen kleinen Schamhaar-Frisör eröffnen und behaupten, damit eine große Marktlücke getroffen zu haben. Intimfrisuren werden ein großer Trend und unser Markenzeichen wird die Locke sein. Früher oder später werden unsere Kreationen die Titelblätter großer Modemagazine zieren und man spricht von uns in Paris, Mailand und New York. Inzwischen haben wir schon die ganze KTV gekauft und alle tragen Locken. Wir wissen natürlich immer noch nicht wohin mit dem ganzen Geld und verschenken es einfach an Leute mit guten Ideen (und Frisuren), von denen es nun wirklich genug gibt. Oder wir schießen ’s in den Wind und freuen uns am Tanz, weil die Blätter erst im Herbst fallen.
Macht ihr mit?

Wenn zwei sich treffen und der Penis das Wort hat

Ich bin mir der Wirkung von Überschriften bewußt. Nicht bewußt war ich mir der Wirkung von One-Night-Stands auf zeitweilig nicht ganz so potente Männer. Die Überschrift ist im Grunde irreführend. Richtigerweise müßte sie heißen: wenn der Penis das Wort hat und zwei sich treffen. Man könnte statt Penis auch Vagina sagen, sollte man auch, ist aber nicht richtiger als das Andere, kommt auf’s Gleiche. Nur, Geschlechtsorgane, davon möchte man nun wirklich nichts hören, wenn’s um Sex geht. Lasst uns also von Trieben sprechen. Das klingt nun so, als würde ein frustrierter Verkehrsteilnehmer einen unglücklichen Zusammenstoß auf das Vorhandensein von Autos zurückführen wollen. Das kann man machen, ist meines Wissens auch nicht direkt verkehrt, trotzdem bleiben Beulen. Eiterne Beulen. Nichts schönes. Überhaupt nicht sexy. Sexy zu sein, ist übrigens etwas, das mit Sex überhaupt nichts zu tun hat. Wieso sonst, würde man mit einem Menschen, der sexy ist, im Bett sein und keinen hoch bekommen? Sollte man vielleicht weniger saufen und rauchen? Das kann doch keine Lösung sein. Morgen ist auch noch ein Tag. Morgen bist Du auch noch sexy. Nein, nein, die Zeit läuft. Für One-Night-Stands gibt es klare Regeln, die kannst Du in jeder Neon-Ausgabe nachlesen. Der nächste Tag ist zu vermeiden und die Morgenlatte macht es nicht besser. Gelassenheit? Leg das Heft beiseite, mach das Buch zu, stell den Fernseher ab und mach die Musik aus, dann merkst Du, wie gelassen Du bist. Es muss jetzt zur Sache gehen. Sonst muss man reden. Und reden ist auch nur Vorspiel ohne anfassen. Das könnte eine gute Sache sein, ist es aber nicht. Weil von vorn herein schon alles klar ist. Es ist völlig klar, was der Mensch ist und dass der Andere auch nichts Anderes sein kann: Fleisch, dass sich nach Fleischeslust zehrt. Darüber hinaus? Was soll da sein? Wer das nicht einsieht, der gehört irgend einer komischen Sekte an, hat nicht alle Tassen im Schrank, oder kriegt einfach keinen hoch. Ich gehöre ja der – mittleren Fraktion an, der Tassen-Fraktion. Es ist sehr interessant, nicht alle Tassen im Schrank zu haben, denn man ist immer am suchen. Wer meint, er hätte alle Tassen im Schrank, der sollte mal genauer hinsehen. Aber was soll das bloß? Man muß es sich doch nicht komplizierter machen, als es ist. Man nimmt eben eine neue Tasse. Fertig. Schau: hier bin ich und da bist Du. Hier bin ich zu Ende und da fängst Du an. Was soll dazwischen sein? Luft natürlich. Moleküle und so weiter, Atome. Aber das täuscht. Welten sind das. Du bist eine Welt und ich bin eine Welt. Und dazwischen Millionen andere. Kannst Du Dir erklären, wie man etwas anderem sein Leben zuwenden kann, als diesen Welten? Zeig mir Deine (Welt) – lass mich Dich ausfüllen.

abgefuckelt – es verschwinden wieder Bücher

Vor einigen Tagen habe ich mir zum ersten Mal die „Zeit“ gekauft. Aus Langeweile. Sie ist tatsächlich schwerer als ich dachte – die (gähn) Zeit. Zu Hause angekommen, erst mal raus aus dem Rucksack, mit der Zeit. Ein Haufen Reklame fällt heraus, wie aus einem x-beliebigen Anzeigenblatt. Haben die denn keine Leser, dass die so was nötig haben? Anscheinend nicht. Die Titelgeschichte heißt: „Noch jemand ohne Burn-out?“ Auf dem Bild darunter ist eine Reihe abgebrannter Streichhölzer zu sehen, nur eines ist noch nicht abgebrannt. Burn-out, ausgebrannt, verstehen Sie (siezt die Zeit ihre Leser eigentlich noch), es ist nur eine Frage der (Achtung:) Zeit, bis es auch den Letzten erwischt. War die Zeit nicht irgendwann mal so eine Intellektuellen-Zeitung, mit der man als Nicht-studierte_r gar nichts anfangen konnte? Jetzt jedenfalls ist sie ein Paket aus eher belangloser Unterhaltung und Reklame. Von den letzten Jahren habe ich ja nichts mitbekommen, vom Kampf der Printmedien um ihre Leser_innen, weil doch jetzt alle Internet haben und sowieso keiner mehr ließt, keiner mehr lesen kann, weil die alle zu doof sind, und die Welt ja sowieso nicht mehr das ist, was sie mal war, vor dem 11. September und ach, hör‘n Sie mir doch auf. Ich hab’s einfach nicht mitbekommen, es ging an mir vorbei, tut mir Leid: Burn-out.
Wertvolle Informationen (wenn man will dass es so etwas gibt) entnimmt man der Zeit beunruhigender Weise aus dem, was sie nicht druckt. In einem Artikel über Elias Canetti, den man als Hetzschrift bezeichnen kann, lässt der Autor, ein gewisser Peter Hamm, Canettis Hauptwerk, Masse und Macht, einfach verschwinden. Gegen Ende des Artikels taucht es mal beiläufig auf, mit dem Hinweis, dass dies das Buch sei, das Canetti als sein Hauptwerk betrachte. In einem Atemzug mit Adorno, der ebenso beiläufig verschwindet. Ich würde gern von Herrn Hamm wissen, welche Gründe es gibt, Canettis Lebenswerk als Fußnote zu behandeln. Es verschwinden zu lassen hinter einem wüsten Gefasel von Beziehungs-Zeug, als sei Herr Hamm persönlich mit Canetti bekannt gewesen. Der Artikel heißt: „Der Menschenfresser und sein Maultier“. Er handelt von den Liebesbriefen, die Canetti sich mit seiner Geliebten schrieb und die nun veröffentlicht werden. Mal abgesehen davon, wen so etwas interessieren könnte, Herr Hamm, was haben diese Briefe denn für eine monströse Wirkung auf Sie, dass Sie sich, Herr Hamm, „gewaltsam ins Gedächnis rufen“ müssen, „dass derselbe Canetti, der hier als eine Art Monster erscheint, so großartige Werke wie…“ – und dann folgt eine Aufzählung seiner großartigen Werke, „die zum unverzichtbaren Fundus der Literatur des 20. Jahrhunderts zählen“, dass er diese Werke also geschrieben hat und dass das so unbegreiflich sei. Geradezu empörend. Masse und Macht ist nicht dabei, bei den unverzichtbaren Werken, die Sie aufzählen. Vielleicht deswegen, weil Canetti darin aus der Berührungsangst zwischen den Menschen die Machtstrukturen der Gesellschaft ableitet? Hm? Herr Hamm? Peter. Deswegen? Was sagt Ihre Frau dazu. Sie interessieren sich doch auch so sehr für die Leben Anderer. Für die Leben Toter. Ich interessiere mich jetzt für Sie. Das kann man doch nicht übersehen, das ist doch kein Zufall, Herr Hamm. Wenn ich Elias Canetti in die Suchmaschine eingebe, stoße ich zuerst auf Masse und Macht. Immerhin hat er dafür den Nobelpreis bekommen. Geht es wieder los, Herr Hamm, lassen wir wieder Bücher verschwinden? Komm, Peter, gib’s wieder her. Das bringt doch nichts. Das haben wir doch jetzt gesehen. Seid ihr da alle so, bei der Zeit? Wohl ‚n bisschen auf George Orwell, was? 1984. Aber das wird nichts – das Buch ist schon geschrieben. Ach so, ihr meint, ihr lasst das auch verschwinden und dann spielt ihr die Geschichte selbst? Tackert überall Karl Theodor an die Wände, als Großen Bruder, mit väterlich, fürsorglich, ernsthaft, strengem Face und die Massen werden begeistert sein? Begeistert wovon, liebe Zeit-Redakteure? Mir wird da etwas mulmig, wenn ich euer Blatt durchblättere. Ich sehe da nichts, wofür man im besten Sinne brennen könnte – seht ihr was?

Henry Ford vs. Karl Marx

Immer wieder geistert in letzter Zeit ein Zitat durch die Medien, welches fast schon ehrfürchtig als solch offensichtliche Wahrheit hingestellt wird, dass man sich an den Kopf fassen möchte und sagen möchte: man oh man, das ist ja wirklich sowas von wahr. Es ist ein Zitat, das – was immer wieder betont wird – nicht etwa von Karl Marx stammt oder von Sahra Wagenknecht, sondern von – und jetzt haltet euch fest: von Henry Ford. Ja, genau, der Ford, der mit den Autos, vor – wie vielen Jahren? – sagt ihr es mir, ich weiß es nicht mehr. Hundert, tausend? Jedenfalls der hat das gesagt. Und wisst ihr was der gesagt hat, dieser Ford, dieser Sauhund? Er hat gesagt: „Wenn die Menschen das Geldsystem verstehen würden, dann hätten wir die Revolution vor morgen früh.“ Wahnsinn was? Und Marx schreibt hier dicke Wälzer, dicker als die Bibel, dabei ist alles so einfach. Einfach genial. Und jetzt verstehen wir das nämlich langsam, und das schreibt ja jetzt auch der Spiegel. Es gibt nämlich gar keine Märkte. Die Märkte, das sind nämlich auch nur Menschen. Und jetzt haben die vom Spiegel – das sind ja richtig knallhart gute Journalisten – jetzt haben die sich das einfach mal genauer angeguckt und recherchiert. Und die haben festgestellt, es gibt fünf Märkte. Also jetzt Finanzmärkte, keine Arbeitsmärkte oder Immobilienmärkte oder Flohmärkte. Fünf Märkte gibt es und da haben die sich von jedem Markt, von jedem Markt haben die sich da einen gegriffen und den mal so richtig knallhart aber fair, so richtig journalistisch, kritisch Fragen gestellt haben die dem. Und das waren alles Leute, die eben auch nur ihren Job machen, wie ‚n Bäcker, wie ‚n Mechaniker, wie Du und ich. Könnt ihr euch das vorstellen? Ganz normale Leute sind das, die machen auch nur ihren Job. Außer einer. Obwohl, der macht auch nur seinen Job. Das war der mit diesen Hedgefonds. Kennt ihr, ne? Hedgefonds? Und der, das ist ‚n richtiges Arschloch. Der hat das nämlich alles schon kommen sehen, mit der Krise. Und wisst ihr, was der gemacht hat? Ausfallversicherungen irgendwie oder sowas hat der abgeschlossen. Das heißt, wenn jetzt Einer pleite geht, auch Länder, dann macht der da Kohle mit. Es geht ja darum, das Geld zu vermehren – also eigentlich richtig. Sowas kann nicht sein. Sowas kann einfach nicht sein. Wenn die nicht wären, diese Arschlöcher, dann wär‘ alles gut. Dann wär‘ auch nichts passiert. Und unser kleiner Donald Duck reißt wütend die Seiten aus dem Magazin, zerreißt sie mit den Zähnen, schmeißt sie zu Boden und trampelt nochmal rauf, zieht eine Stange Dynamit aus der Tasche, die er für solche Fälle immer dabei hat und sprengt den nächsten Mercedes in die Luft. Was hat dieser Henry Ford nochmal gesagt? Weil alle versuchen das Geldsystem zu verstehen, haben wir keine Revolution – und schon gar nicht morgen früh?

schleimiger Sommer-Tip

Da sich Delikatessen unter anderem dadurch auszeichnen, dass sie rar sind, sollte man jetzt darüber nachdenken, wie man braune Nacktschnecken zu einer solchen machen könnte und besser heute als morgen damit anfangen, sie zu sammeln.